Samstag, 7. März 2015

Kommen - Bleiben - Gehen


Es gibt Phasen in meinem Leben, da bin ich im Sortier-Modus. Nicht nur gegenständlich auch personenbezogen. Die Analogie mag sich bedenklich anhören, fußt aber auf persönlichen  Erfahrungen.
Sortieren bringt Ordnung. Das hilft, mich zu orientieren und fühlt sich irgendwie gut an. Gedanken schweifen, Ideen entstehen und damit schaffe ich Platz für Neues. Befreiend ist das.

Neulich traf der Sortiermodus auf eine Allianz aus Gegenständen und Personen. Da gibt es eine Art Album, in dem man Visitenkarten aufbewahren kann, quasi Zeugnisse verschiedenster Menschen. Adressen, Telefonnummern, Namen und Funktionen auf Papier. Von mir gesammelt in kleinen Einstecktaschen dieses Albums, immer mit dem Gedanken, die Karten noch nutzen zu können.

Indem ich den Inhalt ansah, zogen vor meinem geistigen Auge die Bilder der Menschen hinter den Karten vorbei. Berufliche Begegnungen mit ihnen, Szenen der Vergangenheit, aus einer anderen Zeit, einem anderen Leben. Die meisten der Visitenkarteninhaber waren für mich Abschnitts- oder Phasenbegleiter, die inzwischen längst nicht mehr zu mir gehören. Übriggeblieben von ihnen ist nur das bedruckte Stück Papier. Nun können sie mit ihren Karten gehen, dachte ich mit einer Mischung aus klarer Sicht und diffusen Gefühlen. Ganz allmählich leerte sich das Album und mit jeder verschwundenen Karte verabschiedete ich mich langsam aber sicher endgültig von einem Lebensabschnitt, den ich äußerlich wahrnehmbar schon vor Jahren hinter mir gelassen hatte.

Als setzte ich einen Haken dahinter und folgte nun endlich konsequent meiner Entwicklung. Ich sehe heute klarer denn je hinter die Fassaden von Menschen. Die Visitenkarten gehörten nämlich seinerzeit oftmals solchen, die mir nur deshalb äußerst freundlich begegneten, weil sie meinen Posten sahen. Von ihrer Freundlichkeits-Fassade versprachen sie sich offenkundig Vorteile, betrachteten lediglich meine Funktionen und hatten keinerlei Interesse an der Person, die ihnen begegnete.
Andere wieder sahen und sehen mich als Mensch und nahmen mich auch damals nicht allein wegen meines Postens oder irgendwelcher Inhalte wahr.  
Ich musste alle gleichermaßen professionell-höflich behandeln. Ganz gleich, wie sie sich benahmen oder was ich von ihnen hielt, sie blieben.
Das hat sich geändert. Professionell-höflich bin immer noch. Aber heute kann ich über Kommen, Bleiben und Gehen selbst entscheiden.

So gibt es immer noch Visitenkarten in meinem Album, nur sind es jetzt weit weniger und – ganz andere. 


Copyright: Claudia Georgi

Kommentare:

  1. Kommen - Bleiben - Gehen: zentrale Lebensthemen, die mit Bewegung und Innehalten zu tun haben. Hast Du sehr gut beschrieben!!!

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    1. Wie bei einem Buch: Das Leben hat Kapitel. Manchmal beendet man eines und schlägt ein neues auf. Möglicher Weise wird die erzählte Geschichte dann ganz spannend...

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